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Die Serenissima - Die Geschichte Venedigs (Teil 1)
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"Esto perpetua": Die Legende will es, dass diese Aufforderung die letzten Worte des Mönches Paolo Sarpi waren, die er 1623 an seine Heimat Venedig richtete. "Sei ewig" - in der Tat gelang es der Serenissima Repubblica di San Marco (der erlauchtesten Republik des Heiligen Markus) elf Jahrhunderte lang im von Kriegen und Revolutionen erschütterten Europa seine Unabhängigkeit zu wahren und zu einer der kulturell bedeutendsten Städte des Kontinents aufzusteigen. Die prächtigen palazzi und die reich geschmückten Kirchen der Lagunenstadt sind bis heute Zeugen dieser großen Vergangenheit.
Angefangen hatte alles ganz bescheiden. Im 6. Jahrhundert siedelten sich zahlreiche Flüchtlinge aus Oberitalien, die sich vor den plündernden Hunnen und Germanen und später den Langobarden retten konnten, in den Sümpfen und auf den Inseln der Brenda-Mündung an. Sie lebten vor allem vom Fischfang und von der Salzgewinnung. Um die Siedlungen zu vergrößern, rammten die ersten Venetici Holzpfähle in den sumpfigen Boden und errichteten darauf Hütten. Als das Ostgotenreich durch den byzantinischen Kaiser Justinian erobert wurde, fielen die Siedlungen in der Lagune unter byzantinische Herrschaft. Daher ernannte der Kaiser von Byzanz 697 den ersten Dogen (vom lateinischen dux für Herzog) von Venedig. 811 verlegte der Doge Angelo Participazio den Regierungssitz Venetiens auf den Rialto (von rio alto für hohes Ufer).
Anders als weite Teile Italiens wurde Venedig im 9. Jahrhundert nicht von den Franken erobert, statt dessen begann nun der unaufhaltsame Aufstieg der Stadt. Der Handel wurde zur wichtigsten Einnahmequelle und zugleich begann man in Venedig, Schiffe zu bauen. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht sollten in der Serenissima allein im arsenale mehr als 5.000 Zimmerleute und Kaltefaterer arbeiten. Mit dem Raub der Gebeine des Heiligen Markus, einer bedeutenden Reliquie aus Alexandria, entzog sich das sich im Entstehen befindliche Gemeinwesen 828 der Abhängigkeit von einem fremden Patriarchen und sicherte sich seine religiöse Eigenständigkeit. Markus war fortan der Schutzpatron der Stadt, und das Symbol des Evangelisten, der geflügelte Löwe, wurde zum Hoheitszeichen der Republik.
Unter dem Dogen Pietro II. Orseolo stieg Venedig zur Großmacht auf, denn nun begann die Serenissima, ein Kolonialreich in der Adria und der Ägäis zu errichten. So wurde bis 1001 Dalmatien erobert. Doch wichtiger als Landnahme war für Venedig der Aufbau von wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Tatsächlich gelang es den Veneziern im 10. und 11. Jahrhundert, eine einzigartige Monopolstellung im Handel zwischen Westeuropa, Byzanz und dem Orient zu erringen. Diese basierte auf zwei Sonderrechten. Einerseits verbot ein Privileg von Kaiser Heinrich IV., dem Venedig im Investiturstreit mit Papst Gregor VII. beigestanden hatte, Händlern des Heiligen Römischen Reichs, Waren über Venedig hinaus in Richtung Osten zu bringen. Zugleich gewährte der byzantinische Kaiser Alexios I., nachdem die venezianische Flotte ihm im Kampf gegen Türken und Normannen zur Hilfe gekommen war, Venedig ein Handelsmonopol im Warenverkehr mit dem Byzantinischen Reich. Durch Venedigs wirtschaftliche Stellung verschoben sich die Gewichte zusehends, denn faktisch war die Lagunenstadt nun kaum noch ein Vasall des byzantinischen Kaisers, sondern vielmehr sein Verbündeter.

Die Zeit zwischen 1200 und 1500 gilt als Venedigs Blütezeit. Vor allem die Kreuzzüge waren ein Glücksfall für Republik: Schließlich festigten sie ihren Zugang zu den Märkten des Orients, außerdem stellte die Serenissima den Kreuzfahrern Schiffe, Waffen und Verpflegung zu Verfügung - selbstverständlich gegen entsprechende Bezahlung. Entscheidende Bedeutung kam dem Vierten Kreuzzug zu, ging dieser doch direkt von Venedig aus, und der Doge Enrico Dandalo forderte die Kreuzfahrer auf, Konstantinopel zu erobern, das seit der Kirchenspaltung von 1054, dem Großen Schisma, als häretisch galt. 1204 wurde die Stadt besetzt und geplündert. Das neu gegründete Lateinische Reich dominierte Venedig, der Doge war Herr über 3/8 des Gebietes. Zudem brachten die Venezier reiche Beute mit nach Hause, unter anderem die bronzene Quadriga, die seitdem auf dem Dach der Markuskirche thront. In der Folge erweiterte Venedig seinen stato de mar (Meeresstaat): Zu den bisherigen Stützpunkten in Dalmatien und Istrien, auf Korfu und Kreta kamen Tunis, Jaffa und Akko.
Parallel zum außenpolitischen Aufstieg Venedigs etablierte sich in der Stadt ein sorgsam austariertes Regierungssystem, in dem sich die verschiedenen Gruppen und Institutionen gegenseitig kontrollieren. Daher hatte Venedigs innere Ordnung bis zur Eroberung durch die Franzosen 1797 Bestand - in Zeiten von Umbruch und Revolution im restlichen Europa eine einzigartige Ausnahme. An der Spitze der Republik stand der Doge, doch war er, mit den Worten Petrarcas, lediglich ein "Sklave der Republik" und einer der machtlosesten Herrscher Europas. So war er diversen Auflagen unterworfen, hatte unter anderem absolutes Reiseverbot und seine Briefe wurden zensiert. Dem Dogen gegenübergestellt war der Große Rat. Der Zugang zu diesem Gremium wurde im 13. Jahrhundert auf bestimmte venezianische Familien beschränkt. Eine Art Präsidium des Großen Rats war schließlich die Signoria, sie war das höchste Kontrollorgan in der Lagunenstadt.
Im 14. Jahrhundert begann Venedig, sich auf auch auf dem italienischen Festland zu engagieren. Ausschlaggebend war der Wunsch, sich im wahrsten Sinne des Wortes den Rücken zur Landseite hin freizuhalten und die Versorgung mit Lebensmitteln zu sichern. Venedigs Aufstieg rief jedoch Rivalen auf den Plan, vor allem Genua wollte sich nicht mit der starken Position der Lagunenstadt abfinden. Im 13. und 14. Jahrhundert standen sich die beiden Städte daher in vier Kriegen gegenüber. Erst 1380 konnte Venedig die genuesische Flotte bei Chioggia besiegen. Nun hatten die Venezier freie Hand in Italien und bis 1428 umfasste Venedigs terraferma u. a. Padua, Vicenza, Verona, Bergamo und Brescia. Damit war die Serenissima auf dem Höhepunkt ihrer Macht angekommen. Doch mit dem Erstarken des Osmanischen Reiches erhob sich im Osten ein neuer Konkurrent. Venedigs Tage als Hegemon im Mittelmeer waren gezählt. Mehr dazu an dieser Stelle im Dezember.
Literatur
- Peter Feldbauer / John Morrissey: Weltmacht mit Ruder und Segel. Venedig 800 - 1600. Magnus Verlag, Essen 2004
- Giovana Scire Nepi / Augusto Gentili / Romanelli Giandomenico: Malerei in Venedig.Hirmer, München 2003
- Eva Sibylle Rösch Gerhard Rösch: Venedig im Spätmittelalter1200 - 1500. Ploetz, Freiburg 1991
- Daniel Huguenin (Text) / Erich Lessing (Fotografien): Venedig. Glanz und Glorie. Zehn Jahrhunderte Traum und Erfindungsgeist. Komet, Köln 2001
- Helmut Dumler: Venedig und die Dogen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2001
- Giandomenico Romanelli (Hrsg.): Venedig.Kunst & Architektur. 2 Bd. Könemann, Köln 2000
- Kurt Heller: Venedig.Recht, Kultur und Leben in der Republik 697 -1797. Böhlau, Wien 1999
- Gianluigi Trivellato und Giuseppe Mazzariol: Venetian Palazzi. Paläste in Venedig. Taschen, Köln 1998 Titel: Paläste in Venedig
- Jan Morris: Großmacht Venedig.Eine Seereise durch die Geschichte. Piper, Zürich 1981
- Reinhard Lebe: Als Markus nach Venedig kam. Venezianische Geschichte im Zeichen des Markuslöwen. DVA, Stuttgart 1987