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Der Deutsche Herbst
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"Das geht einem ans Magere", so erinnert sich Helmut Schmidt 30 Jahre nach dem Deutschen Herbst in trockenem Hamburgisch an jene sechs Wochen zwischen dem 5. September und dem 19. Oktober 1977, in denen der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) seinen blutigen Höhepunkt erreichte und in denen er als Bundeskanzler Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen hatte. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wurde entführt und später ermordet, die Lufthansa-Maschine "Landshut" gekapert, und schließlich begingen die Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen in Stuttgart-Stammheim Selbstmord. Doch meint der Begriff "Deutscher Herbst" nicht nur die dramatischen Ereignisse im September und Oktober 1977, sondern auch das überreizte Klima in der Bundesrepublik angesichts der völlig neuen Bedrohung durch den Terrorismus. Denn obwohl der Staat durch eine Handvoll Desperados zu keinem Zeitpunkt ernsthaft gefährdet war, mischte sich in den Schock über die Brutalität der RAF das Gefühl, Westdeutschland befände sich im Notstand oder gar im Krieg. Außerdem polarisierte die RAF. Als etwa der Schriftsteller
Heinrich Böll versuchte, die Motive der Terroristen nachzuvollziehen, geriet er in Teilen der Öffentlichkeit in den Verdacht, ein Sympathisant der RAF zu sein und den Terror gutzuheißen. Auch warfen CDU und CSU linken Kreisen vor, jahrelang planmäßig Systemverachtung gezüchtet zu haben.
Die Vorgeschichte des Deutschen Herbstes reicht weit zurück in die 1960er Jahre, in die Zeit der Studentenbewegung 1967/68. Der Protest gegen den Vietnamkrieg, die Erschütterung über den Tod von Benno Ohnesorg im Juni 1967 und über das Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968: Für einen kleinen Teil der Außerparlamentarischen Opposition (APO) waren Ereignisse wie diese ausschlaggebend, den friedlichen Protest hinter sich zu lassen und militant zu werden. 1968 verübte eine Gruppe um Andreas Baader und Gudrun Ensslin Brandanschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser. Vorerst blieb es bei Sachschäden. Als eigentliche Gründungsstunde der RAF gilt die Befreiung des inzwischen inhaftierten Andreas Baader im Mai 1970. Danach tauchte er zusammen mit Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Horst Mahler und anderen unter und wurde im Sommer 1970 in einem Lager der Al-Fatah in Jordanien militärisch ausgebildet. Zurück in Deutschland beging die Gruppe eine ganze Reihe von Banküberfällen und ab 1972 auch Attentate unter anderem auf Bundesrichter Wolfgang Buddenberg. Anschläge wie diese waren in erster Linie ein Amoklauf gegen das gesamte bundesdeutsche System und erst im Nachhinein versuchte die Gruppe, ihren Aktionen ein theoretisches Fundament und einen politischen Sinn zu geben. Noch im Sommer 1972 wurde der harte Kern der RAF verhaftet: Neben Baader, Ensslin und Meinhof konnten auch Holger Meins und Jan-Carl Raspe gestellt werden. 1975 begann in Stuttgart-Stammheim der Prozess gegen die Terroristen, im April 1977 wurden sie zu lebenslanger Haft verurteilt.
Der Terror war jedoch noch lange gebannt. Zwar waren die führenden Köpfe nun verurteilt, doch hatte sich außerhalb der Gefängnismauern eine zweite RAF-Generation um Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und Peter-Jürgen Boock zusammengefunden. Unterstützt wurden sie von einer kleinen Sympathisantenszene, die sich über die so genannte Isolationsfolter und den Tod von Holger Meins, der im November 1974 an den Folgen eines Hungerstreiks gestorben war, empörte. Das Ziel der RAF war die "Big Raushole", also die Befreiung der inhaftierten Mitglieder. 1977 startete die Terrorgruppe ihre "Offensive 77". Am 7. April wurde Generalbundesanwalt Siegfried Buback in Karlsruhe erschossen, am 30. Juli Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto in Oberursel.
Anfang September begann das Finale: Am 5. September 1977 entführte das vierköpfige RAF-Kommando "Siegfried Hausner" in Köln-Braunsfeld Hanns Martin Schleyer. Dabei wurden sein Fahrer ebenso wie drei Polizisten erschossen. Ins kollektive Gedächtnis der bundesdeutschen Gesellschaft eingebrannt hat sich ein Foto vom Tatort, das einen Kinderwagen zeigt. In ihm hatten die Terroristen ihre Waffen versteckt. Noch am gleichen Tag forderte die RAF die Freilassung von elf inhaftierten Terroristen. In Bonn berief Bundeskanzler Helmut Schmidt den Großen Krisenstab ein, dem Mitglieder aller Bundstagsfaktionen angehörten. Für sie stand von Anfang an fest: Die Bundesrepublik wird sich nicht erpressen lassen und nicht noch einmal wie 1975 den Forderungen von Entführern nachkommen. Schließlich waren die damals gegen den entführten CDU-Politiker Peter Lorenz ausgetauschten Terroristen bald schon wieder aktiv geworden. Stattdessen spielte Bonn nun auf Zeit. In einer großangelegten Suchaktion wurde fieberhaft nach Schleyer gefahndet. Der entscheidende Hinweis auf das "Volksgefängnis", in dem der Arbeitgeberpräsident festgehalten wurde, eine Wohnung ganz in der Nähe vom Ort der Entführung, versandete jedoch. Gleichzeitig wurden mit Hilfe des Kontaktsperregesetzes die Verbindungen der RAF-Häftlinge untereinander und zur Außenwelt unterbrochen.

Unterdessen versuchte die RAF, mit Fotos und Videos des entführten Hanns Martin Schleyer den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen. Als dies nicht gelang, wurde am 13. Oktober die Lufthansa-Maschine "Landshut" auf ihrem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt entführt. Nun befanden sich mehr als 90 Menschen in der Hand von Terroristen. Nach einer tagelangen Odyssee landete das Flugzeug schließlich im somalischen Mogadischu. Dort gelang es in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober einem GSG 9-Kommando die Geiseln zu befreien. Drei der vier Flugzeugentführer wurden dabei getötet. Trotz der Kontaktsperre erfuhren die RAF-Häftlinge von den Ereignissen in Mogadischu. Nun, wo keinerlei Hoffnung auf Befreiung mehr bestand, erschossen sich in der so genannten Todesnacht von Stammheim vom 17. auf den 18. Oktober Baader und Raspe mit Waffen, die von ihren Anwälten ins Gefängnis geschmuggelt worden waren, Gudrun Ensslin erhängte sich, und Irmgard Möller fügte sich mit einem Messer schwerste Verletzungen zu. Sie überlebte als einzige und hält bis heute daran fest, dass es sich nicht um Selbstmorde, sondern um staatlich angeordnete Morde gehandelt habe. Der Suizid der Terroristen bedeutete jedoch das Todesurteil für Hanns Martin Schleyer. Am 19. Oktober fand man seine Leiche im Kofferraum eines Autos in der Nähe des elsässischen Mülhausen. Schleyer war mit drei Kopfschüssen regelrecht hingerichtet worden.
Der Deutsche Herbst 1977 war zwar der Höhepunkt des RAF-Terrors, nicht jedoch sein Ende, denn der "Bewaffnete Widerstand" ging weiter. Die meisten Anschläge in den 1980er und 1990er Jahren sind jedoch nicht aufgeklärt. Bis heute gibt es keinerlei Hinweise, wer hinter der Ermordung von Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts 1986, Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen 1989 oder dem Präsidenten der Treuhandanstalt Detlev Karsten Rohwedder 1991 stand. Erst 1998 löste sich die RAF offiziell auf. "Die Stadtguerilla in Form der RAF", so hieß es in einem achtseitigen Schreiben, "ist nun Geschichte." Geschichte ist auch der Deutsche Herbst, doch dreißig Jahre danach ist er in der deutschen Öffentlichkeit präsent wie nie zuvor. Grund dafür ist einerseits die Freilassung von Brigitte Mohnhaupt und Eva Haule sowie die Debatte um die Begnadigung von Christian Klar in diesem Jahr. Andererseits ruft auch die aktuelle Bedrohung durch den islamistischen Terror die Erinnerung an den Deutschen Herbst wach. Schließlich geht es heute wie damals um die Frage, mit welchen Mitteln ein demokratischer Rechtsstaat seine Freiheit gegen Terroristen verteidigen kann, soll oder darf.
Literatur
- Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex. Hoffmann und Campe, Hamburg 1985
- Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.): Dokumentation zu den Ereignissen und Entscheidungen im Zusammenhang mit der Entführung von Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine Landshut. Goldmann, München 1977
- Lutz Hachmeister: Schleyer. Eine deutsche Geschichte. C.H. Beck, München 2004
- Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. KiWi, Köln 2004
- Ulf G. Stuberger (Hrsg.): "In der Strafsache gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin wegen Mordes u.a.". Dokumente aus dem Prozeß. Syndikat, Frankfurt a. M. 1977
- Butz Peters: RAF. Terrorismus in Deutschland. DVA, Stuttgart 1991
- Anne Siemens: Für die RAF war es das System, für mich der Vater. Die andere Geschichte des deutschen Terrorismus. Piper, München / Zürich 2007
- Alex Schubert: Stadtguerilla. Tupamaros in Uruguay - Rote Armee Fraktion in der Bundesrepublik. Wagenbach, Berlin 1971
- Tatjana Botzat / Elisabeth Kiderlen / Frank Wolff: Ein deutscher Herbst. Zustände, Berichte, Kommentare. Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M. 1978