
Berlin am 9. September 1948: Vor dem Reichstagsgebäude haben sich mehr als 300.000 Menschen versammelt. Auf der bisher größten Veranstaltung in Westberlin demonstrieren sie gegen die Sowjetunion und gegen die seit Juni des Jahres laufende Berlin-Blockade. Hauptredner der Demonstration ist Ernst Reuter. In einem dramatischen Appell beschwört er die Westberliner, nicht aufzugeben. Zugleich bittet er die Völkergemeinschaft, die Stadt nicht fallen zu lassen: "Das Volk von Berlin hat gesprochen. Wir haben unsere Pflicht getan, und wir werden unsere Pflicht auch weiter tun. Völker der Welt! Tut auch ihr eure Pflicht und helft uns in der Zeit, die vor uns steht, nicht nur mit dem Dröhnen eurer Flugzeuge, nicht nur mit den Transportmöglichkeiten, die ihr herbeischafft, sondern mit dem standhaften, unzerstörbaren Einstehen für die gemeinsamen Ideale, die allein unsere Zukunft sichern können. Völker der Welt, schaut auf Berlin!"
Westberlin war seit dem 24. Juni 1948 eine Insel. Nachdem am 23. Juni, zwei Tage nach der Währungsreform in den Westzonen, auch in Westberlin die Deutsche Mark eingeführt worden war, blockierte die Sowjetunion die Zufahrtswege in die Stadt – offiziell wegen einer technischen Störung. Gleichzeitig unterbrachen die in Ostberlin und in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) liegenden Elektrizitätswerke die Stromleitungen nach Westberlin und der Verkauf von Lebensmitteln in den Westteil der Stadt wurde untersagt. Ziel der Blockade war es, die Westmächte aus Westberlin zu drängen und ganz Berlin in die SBZ zu integrieren.
Wegen des hohen Symbolwerts, den Berlin als ehemalige deutsche Hauptstadt hatte, kam es für die USA und Großbritannien allerdings nicht in Frage, Westberlin preiszugeben. Vor allem Lucius D. Clay, der amerikanische Militärgouverneur in Deutschland, plädierte für eine feste Haltung. Bereits im April 1948 hatte er gewarnt: „Wir ziehen uns aus Berlin zurück (...). Nach Berlin wird Westdeutschland an die Reihe kommen.“ Nun, nach dem Beginn der Berlin-Blockade, entschlossen sich Washington und London daher, Westberlin aus der Luft zu versorgen.

Bereits am 25. Juni landeten die ersten Maschinen aus den Westzonen in Berlin und brachten Lebensmittel und Kohle. Bis Mai 1949 sollten es 277.246 Flugzeuge mit gut 1,8 Mio. Tonnen Ladung sein. Die „Operation Vittles“ wurde zu einer einzigartigen technischen Leistung. Mehr als 57.000 Menschen waren an der Luftbrücke beteiligt, die Flugzeuge vom Frankfurter Rhein-Main-Flughafen, von Wunstorf bei Hannover, Faßberg in der Lüneburger Heide oder von Lübeck-Blankensee landeten im Minutenrhythmus auf den Berliner Flughäfen. Zunächst standen dafür allerdings nur Tempelhof und Gatow zur Verfügung. Um noch mehr Güter nach Westberlin transportieren zu können, wurde in Rekordzeit ein dritter Flughafen gebaut: Nach nur drei Monaten Bauzeit wurde im November 1948 Tegel eröffnet. Doch trotz der logistischen Glanzleistungen von Amerikanern und Briten war das Leben in der eingeschlossenen Stadt alles andere als einfach. Selten hatten die Westberliner mehr als Trockenkartoffeln oder Dörrobst zu Essen, wegen Strommangels standen Privathaushalten täglich nur vier Stunden Elektrizität zur Verfügung und ab 18 Uhr verkehrten keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr. Angesichts dieser Einschränkungen war ein normales wirtschaftliches Leben in Westberlin kaum noch möglich. Viele Betriebe mussten daher zu Kurzarbeit übergehen oder ganz schließen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg. Dennoch gaben die Westberliner nicht auf. Zusammen mit der Entschlossenheit von Amerikanern und Briten war ihre kompromisslose Haltung ausschlaggebend für den Erfolg der Luftbrücke. Eine Symbolfigur für den Durchhaltewillen der Westberliner war bald schon Ernst Reuter. Vor allem seine Rede am 9. September 1948 und sein Appell an die Völker der Welt machten ihn international als Sprecher für die Westberliner Bevölkerung bekannt.
Ernst Reuters Rede im September 1948 sollten allerdings noch acht Monate Blockade folgen. Erst Anfang Mai 1949 unterzeichneten die Alliierten das Jessup-Malik-Abkommen. Damit wurde die Berlin-Blockade und die so genannte Gegenblockade, die von den Westalliierten verhängte Sperrung des Wirtschaftsverkehrs zwischen SBZ und Westzonen, aufgehoben. Am 12. Mai 1949 rollten die ersten Züge in Richtung Westberlin.
Die Berlin-Blockade war eine tiefe Zäsur nicht nur für Deutschland, sondern für die gesamte Weltpolitik nach 1945. Sie war ein erster Höhepunkt im Kalten Krieg, schließlich machte sie deutlich, dass eine gemeinsame Verwaltung von Berlin und Deutschland durch die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, wie ursprünglich 1945 im Potsdamer Abkommen geplant, illusorisch war. Statt dessen geriet die Berlin-Blockade zu einem ersten Kräftemessen von USA und Sowjetunion, die als Supermächte das Weltgeschehen in den nächsten Jahrzehnten bestimmten sollten. Zugleich war die Berlin-Blockade die Geburtsstunde der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Die US-Piloten, die mit ihren „Rosinenbombern“ Berlin versorgten, wurden in der Stadt als Retter gefeiert, sie waren nun Freunde und nicht mehr Besatzer. Auch umgekehrt sahen die USA die Westdeutschen im beginnenden Kalten Krieg weniger als Feinde von gestern denn als Verbündete von morgen. Schließlich war die Berlin-Blockade eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Teilung Berlins und zur Spaltung Deutschlands. Noch im Winter 1948 wurde in Ostberlin ein eigener Magistrat gewählt, Friedrich Ebert wurde Oberbürgermeister. Im Westteil der Stadt wurde Anfang Dezember ein neues Stadtparlament gewählt, hier wurde Ernst Reuter zum Oberbürgermeister ernannt. Analog dazu wurde nur wenige Tage nach dem Ende der Berlin-Blockade, am 23. Mai 1949, in Westdeutschland das Grundgesetz verabschiedet, damit wurde aus den Westzonen ein eigenständiger Staat. Im Oktober 1949 nahm der Deutsche Volkskongress in Ostberlin die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik an. und die DDR konstituierte sich als zweiter deutscher Staat.