Geschichts
Schatzkammer
Vor 75 Jahren - am 30. Januar 1933:
Eine folgenreiche Entscheidung
Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler - der so genannten Machtergreifung - kam am 30. Januar 1933 die größte Mordmaschinerie der Menschheitsgeschichte in Gang. Der S. Fischer Verlag hatte sofort darunter zu leiden. Viele Autoren durften nicht mehr erscheinen und gingen - wie wenig später auch der Verlag - ins Exil (z. B. Thomas Mann, Heinrich Mann, Stefan Zweig, Alfred Döblin, Franz Werfel, Carl Zuckmayer). Vor diesem Hintergrund konzipierte der Fischer Verlag in den späten 70er Jahren die Taschenbuchreihe "Die Zeit des Nationalsozialismus", besser bekannt als die "Schwarze Reihe", die größte Reihe weltweit zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust. Auf folgenden Seiten haben wir Ihnen zusammen mit dem S. Fischer Verlag Buchtitel zum Thema Machtergreifung und die Folgemonate zusammengestellt. Außerdem können Sie sich auf der folgenden Seite das Interview von Dr. Sigurd Martin (Online Marketing S. Fischer Verlag) mit Herrn Prof. Dr. Pehle (Herausgeber der Schwarzen Reihe) herunterladen und anhören.
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P.M. HISTORY Klassiker des Monats:
Carl Zuckmayer:
Der Hauptmann von Köpenick
Ein hinterhältiges deutsches Märchen über Anbetung des Militärischen, Uniform-Kult und die Freude am Gehorchen-Dürfen. Mit seinem Drama schuf Carl Zuckmayer eines der großen deutschsprachigen Bühnenwerke des 20. Jahrhunderts.
"Ein als Hauptmann verkleideter Mensch führte gestern eine von Tegel kommende Abteilung Soldaten nach dem Köpenicker Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften, beraubte die Gemeindekasse und fuhr in einer Droschke davon." Das Ereignis, über das die Berliner Zeitungen am 17. Oktober 1906 berichteten, griff 24 Jahre später der Theaterschriftsteller Carl Zuckmayer wieder auf.
Rund um die schicksalhafte "Verbindung" des Zuchthäuslers Wilhelm Voigt mit einer Hauptmanns-Uniform beschreibt er die Schwächen des deutschen Volkscharakters. Um diesem buchstäblich auf den Leib zu rücken, spielt der Autor virtuos mit dem eigentümlichen Charme und der Ehrlichkeit des Dialekts; wohlbekannte Typen und haarsträubende Situationen halten der Gesellschaft den Spiegel vor.
Als das Stück über die Kaiserzeit 1931 zur Uraufführung kommt, sind die Nationalsozialisten bereits zweitstärkste Partei in Deutschland. Seine ungebrochene Aktualität macht es in kürzester Zeit zum Kassenschlager an über hundert Theatern - bevor es 1933 verboten wird. Durch die Verfilmung mit Heinz Rühmann geht der "Hauptmann von Köpenick" 1956 in die Filmgeschichte ein.
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Jacob und Wilhelm Grimm:
Kinder- und Hausmärchen:
Gebrüder Grimm
Die Hexe im Knusperhaus, das schöne Schneewittchen, das jähzornige Rumpelstilzchen... Die Figuren aus Grimms Märchen sind alte Bekannte aus der Kindheit. Wer die Geschichten über den Kampf zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse oder die Natur des Glücks jedoch als Kinderkram abtut, hat sie nie wirklich gelesen. Denn die Sammlung an Mythen, Sagen und Volkserzählungen, die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm im Jahr 1812 erstmals veröffentlichen, ist ein einzigartiger Spiegel der deutschen Volksseele.
Die Grimms, verarmte Söhne eines Juristen und Stadtschreibers aus Hanau, hatten schon früh ihre Leidenschaft für das Archivieren deutschen Kulturguts entdeckt. Mit dem Autor Clemens Brentano sammelten sie Lieder vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert, die als
"Des Knaben Wunderhorn" veröffentlicht wurden, parallel zu den Märchen trugen sie deutsche Vokabeln und Grammatik-Regeln zusammen, und Jacob Grimm publizierte 1828 eine Kollektion "Deutscher Rechtsaltertümer".
Doch was entdeckten sie auf dem Grund von Volkes Seele? Ein Panoptikum von putzigen Charakteren, die komisch sind wie die
Bremer Stadtmusikanten, melodramatisch wie
Dornröschen und sexy wie
Rapunzel. Dazu Geschichten, die zum Fürchten sind wie die vom
Rotkäppchen und dabei menschlichte Ur-Ängste ausdrücken, oder romantisch wie die vom
Aschenputtel, in der sich die Träume jedes jungen Mädchens spiegeln. Eine Fundgrube mit nostalgischem Charme.
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Die Serenissima - Die Geschichte Venedigs (Teil 1)
"Esto perpetua": Die Legende will es, dass diese Aufforderung die letzten Worte des Mönches Paolo Sarpi waren, die er 1623 an seine Heimat Venedig richtete. "Sei ewig" - in der Tat gelang es der Serenissima Repubblica di San Marco (der erlauchtesten Republik des Heiligen Markus) elf Jahrhunderte lang im von Kriegen und Revolutionen erschütterten Europa seine Unabhängigkeit zu wahren und zu einer der kulturell bedeutendsten Städte des Kontinents aufzusteigen. Die prächtigen palazzi und die reich geschmückten Kirchen der Lagunenstadt sind bis heute Zeugen dieser großen Vergangenheit.
Angefangen hatte alles ganz bescheiden. Im 6. Jahrhundert siedelten sich zahlreiche Flüchtlinge aus Oberitalien, die sich vor den plündernden Hunnen und Germanen und später den Langobarden retten konnten, in den Sümpfen und auf den Inseln der Brenda-Mündung an. Sie lebten vor allem vom Fischfang und von der Salzgewinnung. Um die Siedlungen zu vergrößern, rammten die ersten Venetici Holzpfähle in den sumpfigen Boden und errichteten darauf Hütten. Als das Ostgotenreich durch den byzantinischen Kaiser Justinian erobert wurde, fielen die Siedlungen in der Lagune unter byzantinische Herrschaft. Daher ernannte der Kaiser von Byzanz 697 den ersten Dogen (vom lateinischen dux für Herzog) von Venedig. 811 verlegte der Doge Angelo Participazio den Regierungssitz Venetiens auf den Rialto (von rio alto für hohes Ufer).
Literatur
- Peter Feldbauer / John Morrissey: Weltmacht mit Ruder und Segel. Venedig 800 - 1600. Magnus Verlag, Essen 2004
- Giovana Scire Nepi / Augusto Gentili / Romanelli Giandomenico: Malerei in Venedig.Hirmer, München 2003
- Eva Sibylle Rösch Gerhard Rösch: Venedig im Spätmittelalter1200 - 1500. Ploetz, Freiburg 1991
- Daniel Huguenin (Text) / Erich Lessing (Fotografien): Venedig. Glanz und Glorie. Zehn Jahrhunderte Traum und Erfindungsgeist. Komet, Köln 2001
- Helmut Dumler: Venedig und die Dogen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2001
- Giandomenico Romanelli (Hrsg.): Venedig.Kunst & Architektur. 2 Bd. Könemann, Köln 2000
- Kurt Heller: Venedig.Recht, Kultur und Leben in der Republik 697 -1797. Böhlau, Wien 1999
- Gianluigi Trivellato und Giuseppe Mazzariol: Venetian Palazzi. Paläste in Venedig. Taschen, Köln 1998 Titel: Paläste in Venedig
- Jan Morris: Großmacht Venedig.Eine Seereise durch die Geschichte. Piper, Zürich 1981
- Reinhard Lebe: Als Markus nach Venedig kam. Venezianische Geschichte im Zeichen des Markuslöwen. DVA, Stuttgart 1987
"Ihr Völker der Welt ... schaut auf diese Stadt!" Ernst Reuter und die Berlin-Blockade

Berlin am 9. September 1948: Vor dem Reichstagsgebäude haben sich mehr als 300.000 Menschen versammelt. Auf der bisher größten Veranstaltung in Westberlin demonstrieren sie gegen die Sowjetunion und gegen die seit Juni des Jahres laufende Berlin-Blockade. Hauptredner der Demonstration ist Ernst Reuter. In einem dramatischen Appell beschwört er die Westberliner, nicht aufzugeben. Zugleich bittet er die Völkergemeinschaft, die Stadt nicht fallen zu lassen: "Das Volk von Berlin hat gesprochen. Wir haben unsere Pflicht getan, und wir werden unsere Pflicht auch weiter tun. Völker der Welt! Tut auch ihr eure Pflicht und helft uns in der Zeit, die vor uns steht, nicht nur mit dem Dröhnen eurer Flugzeuge, nicht nur mit den Transportmöglichkeiten, die ihr herbeischafft, sondern mit dem standhaften, unzerstörbaren Einstehen für die gemeinsamen Ideale, die allein unsere Zukunft sichern können. Völker der Welt, schaut auf Berlin!"
Literatur
- Peter Auer: Ihr Völker der Welt. Ernst Reuter und die Blockade von Berlin (mit Beiträgen von K. Hübner, I. Mahler, F. Nowottny). Jaron Verlag, Berlin 1998
- Ernst Reuter: Schriften – Reden, 4 Bd. (hrsg. von Hans E. Hirschfeld und Hans J. Reichhardt. Mit einem Vorwort von Willy Brandt). Propyläen Verlag, Frankfurt a. M. / Berlin / Wien 1972 – 1975
- Volker Koop: Kein Kampf um Berlin? Deutsche Politik zur Zeit der Berlin-Blockade 1948/49. Bouvier, Bonn 1998
- Michael D. Haydock: City under Siege: The Berlin Blockade and Airlift, 1948 – 1949. Brassey's, Washington 2000
- Arno Scholz: Berlin im Würgegriff. Mit einer Zeitchronik der Jahre 1945 – 1952 und 38 Bildtafeln aus dieser Zeit. Arani, Berlin 1953
- Wolfgang Krieger: General Lucius D. Clay und die amerikanische Deutschlandpolitik 1945 – 1949.Klett-Cotta, Stuttgart 1988
Der Deutsche Herbst

"Das geht einem ans Magere", so erinnert sich Helmut Schmidt 30 Jahre nach dem Deutschen Herbst in trockenem Hamburgisch an jene sechs Wochen zwischen dem 5. September und dem 19. Oktober 1977, in denen der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) seinen blutigen Höhepunkt erreichte und in denen er als Bundeskanzler Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen hatte. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wurde entführt und später ermordet, die Lufthansa-Maschine "Landshut" gekapert, und schließlich begingen die Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen in Stuttgart-Stammheim Selbstmord. Doch meint der Begriff "Deutscher Herbst" nicht nur die dramatischen Ereignisse im September und Oktober 1977, sondern auch das überreizte Klima in der Bundesrepublik angesichts der völlig neuen Bedrohung durch den Terrorismus. Denn obwohl der Staat durch eine Handvoll Desperados zu keinem Zeitpunkt ernsthaft gefährdet war, mischte sich in den Schock über die Brutalität der RAF das Gefühl, Westdeutschland befände sich im Notstand oder gar im Krieg. Außerdem polarisierte die RAF. Als etwa der Schriftsteller
Heinrich Böll versuchte, die Motive der Terroristen nachzuvollziehen, geriet er in Teilen der Öffentlichkeit in den Verdacht, ein Sympathisant der RAF zu sein und den Terror gutzuheißen. Auch warfen CDU und CSU linken Kreisen vor, jahrelang planmäßig Systemverachtung gezüchtet zu haben.
Literatur
- Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex. Hoffmann und Campe, Hamburg 1985
- Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.): Dokumentation zu den Ereignissen und Entscheidungen im Zusammenhang mit der Entführung von Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine Landshut. Goldmann, München 1977
- Lutz Hachmeister: Schleyer. Eine deutsche Geschichte. C.H. Beck, München 2004
- Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. KiWi, Köln 2004
- Ulf G. Stuberger (Hrsg.): "In der Strafsache gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin wegen Mordes u.a.". Dokumente aus dem Prozeß. Syndikat, Frankfurt a. M. 1977
- Butz Peters: RAF. Terrorismus in Deutschland. DVA, Stuttgart 1991
- Anne Siemens: Für die RAF war es das System, für mich der Vater. Die andere Geschichte des deutschen Terrorismus. Piper, München / Zürich 2007
- Alex Schubert: Stadtguerilla. Tupamaros in Uruguay - Rote Armee Fraktion in der Bundesrepublik. Wagenbach, Berlin 1971
- Tatjana Botzat / Elisabeth Kiderlen / Frank Wolff: Ein deutscher Herbst. Zustände, Berichte, Kommentare. Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M. 1978